Einige der wundervollsten Kleider der Neunziger wurden von John Galliano entworfen, der schließlich, mit Hilfe von Anna Wintour von der Vogue, die geschäftliche Rückenstärkung bekam, die er brauchte, um seine Vision einem breiteren Publikum nahezubringen. 1995 an die Spitze des Hauses Givenchy berufen, erweckte Galliano dieses schon totgesagte Label wieder zum Leben. Im folgenden Jahr wechselte er zum Haus Dior, wo der Einfluss seiner Kollektionen nicht nur mit dem des Gründers Christian Dior rivalisierte, sondern auch die Modeindustrie wiederbelebte.
Gallianos Mode ist eine weit ausgreifende historische, vielschichtige Vision, die viel zu komplex und persönlich ist, um als »retro« bezeichnet zu werden. Er nähert sich der Mode und ihrer Präsentation auf romantische Weise. Seine mittlerweile legendären Themenschauen waren spektakuläre Höhenflüge kreativer Fantasie, sorgfältig durchgestylt bis hin zu den heute unter Sammlern heiß begehrten Einladungen, die befestigt an rostigen Schlüsseln, als Ballettschuhe, Liebesbriefe oder als in russischen Puppen versteckte Anhängerarmbänder verschickt wurden. Frauen sehen in Galliano-Kleidern wunderschön aus. Galliano arbeitet mit einer interessanten Balance: Er entwirft Kleider, die exquisit sind, aber ihre Trägerin nicht erschlagen – und dieser Stil hat ihn zu einem der begehrtesten Modeschöpfer des Jahrzehnts gemacht. »Letztlich sehe ich mich als Komplize der Frauen«, sagt Galliano, der Frauen, »die sich gerne gut anziehen und ihre Weiblichkeit zelebrieren«.